B6: 2nd Phase (Wiese)

Grammatical reduction and information structural preferences in a contact variety of German: Kiezdeutsch

This phase of the project is completed. It was in progress from 01.07.2007 until 30.06.2011 ]

Description [only German version available]

Das Projekt behandelt den Zusammenhang grammatischer und informationsstruktureller Aspekte in einer Kontaktsprache. Untersuchungsgegenstand ist Kiezdeutsch, eine Varietät des Deutschen, die sich seit etwa Mitte der 1990er als urbane Jugendsprache in Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil ausbildet, insbesondere in solchen, in denen Jugendliche türkischer und arabischer Herkunft dominieren. Kiezdeutsch ist jedoch kein „Türkendeutsch“ (oder „Araberdeutsch“), sondern ein Multiethnolekt, der sich in gemeinsamen Aktivitäten Jugendlicher unterschiedlicher Herkunft, beispielsweise im Kontext des Schulbesuchs, entwickelt und als Kontaktsprache gerade auch in ethnisch gemischten Gruppen, von Sprechern mit und ohne Migrationshintergrund, gesprochen wird. Kiezdeutsch weist typische kontaktsprachliche Charakteristika auf; insbesondere finden sich neben der Integration von Ausdrücken aus den Herkunftssprachen einiger Sprecher eine größere Variabilität in der Organisation sprachlicher Ausdrücke, Phänomene morphosyntaktischer Reduktion, die z.T. als Basis für die Entwicklung neuer Konstruktionen dienen, und eine starke Kontextabhängigkeit der Interpretation. Diese Charakteristika weisen auf eine Schwächung grammatischer Restriktionen und – damit zusammenhängend – einen stärkeren Zugriff auf außersprachliche Aspekte.

Eine solche Varietät ist daher in besonderem Maße geeignet, Zusammenhänge grammatischer und informationsstruktureller Aspekte und den Status der Informationsstruktur innerhalb der sprachlichen Architektur zu beleuchten. Wir legen dabei folgendes allgemeine Modell zu Grunde: Für die Informationsstruktur sind zunächst generelle kognitive Aspekte wie die Organisation konzeptueller Repräsentationen und die außersprachlichen Gegebenheiten der Kommunikationssituation relevant. Informationsstrukturelle Präferenzen, die sich hieraus für die Organisation der Mitteilung ergeben, finden Eingang in das sprachliche System als Ergebnis einer Filterung durch die Grammatik: Informationsstrukturelle Präferenzen reflektieren kommunikative Strategien des Sprechers, der Gebrauch von den grammatischen und lexikalischen Gegebenheiten einer Sprache macht, um diese Präferenzen umzusetzen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich dann die Frage, ob es in einer Kontaktsprache wie Kiezdeutsch angesichts der Schwächung grammatischer Restriktionen zu einer ursprünglicheren Abbildung von Informationsstruktur auf der sprachlichen Ebene kommt: Führt grammatische Reduktion zu einer stärkeren Durchlässigkeit des sprachlichen Systems und damit zu einer geringeren Steuerung informationsstruktureller Präferenzen durch ausgebildete grammatische Korrelate? Kiezdeutsch bietet damit gerade in den Bereichen, in denen sich Verstöße gegen grammatische Beschränkungen des Deutschen finden, eine hervorragende empirische Domäne für die Untersuchung der Interaktion zwischen Grammatik und Informationsstruktur (wobei in erster Linie solche Phänomene relevant sind, die in vergleichbarem gesprochenen, informellen Sprachgebrauch nicht auftreten). Die informationsstrukturelle Perspektive kann es zudem ermöglichen, vermeintlich unzusammenhängende sprachliche Charakteristika von Kiezdeutsch, die aus rein syntaktischer Sicht nur unbefriedigend verknüpft werden können, auf der Ebene der Informationsstruktur unifiziert zu erfassen.

Full description 2nd phase SFB 632 / B6 (extract from the application)  pdficon small

Principal Investigator

Prof. Dr. Heike Wiese, University of Potsdam  contact

 


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